Der Philosoph Peter Sloterdijk über die Ignoranz von Corona-Leugnern im Brandeins-Magazin.

Mit den Werkzeugen der Philosophie, Logik, Analytik und Gehirn trifft er den Nagel auf den Kopf. Passt zu meinem früheren Beitrag, dass die Massnahmenbekämpfung Gift für unsere Freiheit ist.

Die sogenannten Querdenker kämpfen mit der Ignoranzwaffe, und zwar blank gezogen. Das sind Figuren wie aus dem Spätmittelalter, die den Weg in die Moderne und damit zu naturwissenschaftlicher Evidenz und zum Staatsbürgertum innerlich nicht mitgegangen sind. Das hat im Verwechseln der eigenen Wünsche mit der Welt etwas Kleinkindliches. Geistesgeschichtlich kann man das auf vorkopernikanische Weltbilder datieren, derer sie sich bedienen: Ich bin das Zentrum des Universums wenn es eine Sonne gäbe, wie hielte ich es aus, keine Sonne zu sein. Für Kleinkinder ist das eine gesunde Einstellung. Aber das Kleinkind hat, ob es ihm gefällt oder nicht, den Auftrag, erwachsen zu werden. Dem kann es sich nicht gut entziehen, zumindest nicht, ohne zu einer pathologischen Figur zu werden. Kleine Kinder wissen oft nicht, was sie werden wollen, aber sie wissen, dass sie erwachsen werden wollen.

Laden Corona-Leugner und andere Freunde des Irrationalismus zur Regression ein? Mit ihrer Hilfe kann man die Anstrengungen der Vernunft gegen kindliche Fantasien eintauschen?

Das ist der tiefere Sinn von Kleingruppen und sektenähnlichen Meinungsgenossenschaften. Man macht miteinander euphorische Erfahrungen in der Annahme des gemeinsamen privilegierten Zugangs zur Wahrheit. Während alle anderen im kapitalistischen Verblendungszusammenhang oder der Rothschild-Verschwörung gefangen sind, hat man selbst das Licht gesehen und wandelt auf Gipfeln der Hellsichtigkeit. Es gibt für den Selbstgenuss nichts Schöneres als solche Rausche des Irrsinns. Ich glaube, man muss heute über Aussteigerprogramme für Anhänger der Querdenker und anderer Regressionssysteme nachdenken.

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