Wissenschaftsgläubigkeit…

Wissenschaftsgläubigkeit…

Ich kann dieses Wort nicht mehr hören. Denn regelmässig wird es dazu missbraucht, von unbequemen Wahrheiten abzulenken, mit denen manche Menschen sich einfach nicht beschäftigen wollen, weil es sie zwingen würde, ihre Meinungen zu ändern und der Realität anzupassen.

Aber was heisst dieses Wort denn eigentlich? – Wer es verwendet, will damit zum Ausdruck bringen, dass die kritisierte Person blind den Erkenntnissen glaubt, die die Wissenschaft hervorgebracht hat. Subtil wird dabei zudem der Eindruck vermittelt, dass diese Erkenntnisse falsch sein könnten.

Wissenschaft ist eine Methodik, bei der es darum geht, so viel wie möglich über die Realität herauszufinden und Aussagen zu treffen, die man als wahr bezeichnen kann. Wissenschaft schafft (neues) Wissen, sie behauptet nicht, schon alles Wissen zu haben.

Am Anfang steht eine Idee, wie etwas sein oder funktionieren könnte. Das nennt man dann Hypothese. Kein Wissenschaftler würde eine Hypothese schon als wahre Erkenntnis bezeichnen. Sie ist nur eine Idee. Zuerst muss diese anhand von Experimenten auf ihren Faktengehalt überprüft werden. Erst wenn eine Idee – zum Beispiel wie viele mit SARS-CoV-2 infizierte Personen unter welchen Umständen sterben – kritisch und anhand von nachprüfbaren Fakten überprüft wurde und es nicht gelungen ist, ihr Gegenteil zu beweisen, erst dann wird eine Hypothese zur Theorie.

Natürlich passieren dabei auch Fehler. Menschen machen Fehler. Das ist völlig normal und Wissenschaftler wissen das. Sie setzen deshalb Methoden ein, die Fehler entdecken können. (Sehr gut beschrieben hier.) Wird ein Fehler entdeckt, werden Studien zurückgezogen, die diesen Fehler enthalten und man ändert seine Meinung. Dies ist aber keine Schwäche von Wissenschaft – weil ja jedem Fehler passieren – sondern im Gegenteil ihre Stärke. Nur wer Fehler erkennt und korrigiert, kann sich der Wahrheit nähern und echtes Wissen schaffen.

Die Erkenntnis, dass man Fehler machen kann, führt im übrigen auch dazu, dass man weiss, dass man nicht weiss, was man nicht weiss. Dies wird oft als Schwäche von Wissenschaftlern gesehen, dabei ist doch genau dies eine Stärke, denn sie spornt dazu an, kritisch zu bleiben, nach eigenen Fehlern zu suchen und sich ständig zu verbessern.

Listen Sie alle Personen auf, die noch nie einen Fehler gemacht haben (beziehungsweise das von sich behaupten), dann kommt dabei eine Liste von verblendeten Fundamentalisten, Scharlatanen oder Geistesgestörten heraus.

Das Wort Wissenschaftsgläubigkeit besagt, dass jemand an oder der Wissenschaft glaubt. Nun aber mal Hand aufs Herz. Wenn ich mich bei einem komplexen und vielleicht neuen Thema nicht auskenne, wem soll ich da am ehesten vertrauen und glauben? – Den Forschern, die sich tagein tagaus mit diesem Thema beschäftigen und dabei ständig versuchen, der Wahrheit so nahe wie möglich zu kommen – und genau deshalb nie sagen würden, sie wüssten schon alles – oder Personen, die von sich behaupten, schon alles zu wissen und selbst dann nicht ihre Meinung ändern, wenn man sie mit Fakten konfrontiert, die nicht zu ihrer Meinung passen, sie sogar widerlegen?

Die wissenschaftliche Methode hat uns Jahrhunderte lang ständig steigenden Wohlstand verschafft. Sie ist die Grundlage der Technik, mit deren Hilfe sie nun diffamiert wird. Es ist mir keine Methode bekannt, die mit einer dermassen grossen Sicherheit die eigenen Fehler gnadenlos entdeckt, offenlegt und korrigiert.

Ich bin stolz darauf, wissenschaftsgläubig zu sein. Denn es heisst nicht, dass ich blind vertraue. Es heisst, dass ich kritisch bleibe und auf das beste Pferd setze, das die Menschheit im Stall hat.