«Wir brauchen eine fortgeschrittene Art von Kapitalismus»

Irgendwann vor fast 19 Jahren sass ich an meinem Schreibtisch in der Josefstrasse in Zürich, als das Telefon klingelte. Am anderen Ende war André Schneider, damals Chief Operating Officer des World Economic Forums (WEF). Das WEF litt damals sehr unter heftigen Protesten von Globalisierungsgegnern und war mit allen konventionellen Ansätzen gescheitert, glaubhaft zu vermitteln, dass es ihm um eine Verbesserung des Zustands unserer Welt gibt. Man suchte nun jemanden, der auf unkonventionelle Lösungen für solche Impossible Missions spezialisiert war. Ich weiss nicht mehr durch wen, aber ich war ihnen als so jemand empfohlen worden. Um es kurz zu machen: am Ende dieses Auftrags stand das Konzept für das Open Forum, einer Dialogplattform für Begegnungen zwischen Öffentlichkeit, NGOs und WEF-Teilnehmern in Davos, das nun seit 2003 jedes Jahr stattfindet.

Ich kann mich noch gut an das mulmige Gefühl erinnern, für eine Organisation zu arbeiten, die so heftig kritisiert wurde und der man allerlei üble Machenschaften vorwarf. Aber mein Vertrauen in André Schneider wurde nicht enttäuscht. Und auch das folgende Interview mit Klaus Schwab zeigt auf, dass man sich beim WEF durchaus sehr fundiert Gedanken über mögliche Verbesserungen zugunsten von uns allen macht.

Gefunden habe ich es in der NZZ am Sonntag vom 18. Oktober 2020. Weil es hinter einer Paywall steckt, werde ich hier nur Auszüge wiedergegeben. Das vollständige Interview gibt es hier.

Die Pandemie sollte Anlass sein, Elemente des globalen Wirtschaftssystems einer Prüfung zu unterziehen und Korrekturen vorzunehmen.

Copyright: Project Syndicate, 2020.

… Seit Mitte des letzten Jahrhunderts hat die Welt enorme Schritte hin zur Ausrottung der Armut, zur Verringerung der Kindersterblichkeit, zur Verlängerung der Lebenserwartung und zur Verbreitung der Alphabetisierung gemacht. Daher müssen die internationale Zusammenarbeit und der offene Welthandel, die die Verbesserungen in diesen und vielen anderen Bereichen angetrieben haben, beibehalten und gegen neue Zweifel an ihrem Wert verteidigt werden.

Gleichzeitig muss sich die Welt weiter auf das prägende Thema unserer Zeit konzentrieren: die vierte Industrielle Revolution und die Digitalisierung zahlloser wirtschaftlicher Aktivitäten. Durch neue technologische Fortschritte haben wir die nötigen Werkzeuge bekommen, um der momentanen Krise zu begegnen – beispielsweise zur schnellen Entwicklung von Impfstoffen, Therapien und Testmöglichkeiten. Deshalb müssen wir, um unseren zukünftigen Wohlstand zu sichern, weiterhin in Forschung und Entwicklung, Ausbildung und Innovation investieren. …

Traditionelle Konventionen unseres globalen Wirtschaftssystems müssen mit offenem Geist neu bewertet werden. An erster Stelle steht dabei die neoliberale Ideologie. Durch den zunehmenden Fundamentalismus der freien Märkte wurden Arbeitnehmerrechte und wirtschaftliche Sicherheit abgebaut, ein deregulatorisches Abwärtsrennen und ein ruinöser Steuerwettbewerb ausgelöst sowie die Entstehung weltweiter Monopole ermöglicht. Handel, Besteuerung und Wettbewerbsregeln, die Jahrzehnte neoliberalen Einflusses spiegeln, müssen nun auf den Prüfstand. Andernfalls könnte das ideologische Pendel – das bereits in Bewegung ist – hin zu einem vollständigen Protektionismus und staatlichen Interventionismus schwingen, die alle Beteiligten zu Verlierern macht.

… Den grössten Teil unserer sozialen Fortschritte verdanken wir dem Unternehmertum und unserer Fähigkeit, Wohlstand zu schaffen, indem wir Risiken eingehen und innovative neue Geschäftsmodelle durchsetzen. …

Wenn wir von Kapitalismus sprechen, dann darf Kapital nicht nur auf die finanziellen Ressourcen beschränkt sein, sondern muss Finanz-, Umwelt-, Sozial- oder Humankapital beinhalten. Die Verbraucher in entwickelten Ländern wollen nicht nur noch mehr oder bessere Waren und Dienstleistungen. Stattdessen erwarten sie von den ­Unternehmen nun, dass diese zum Wohl der Gemeinschaft beitragen. Daher brauchen wir eine fortgeschrittene Art von Kapitalismus, die neben dem Gewinn auch den Beitrag an die Gesellschaft mit einbezieht. Vor allem die junge Generation erwartet dies zunehmend als Mitarbeiter oder auch als Investoren.

Um den Kapitalismus neu zu bewerten, müssen wir die Rolle der Unternehmen neu bestimmen. … Als Friedman diese Doktrin des alles bestimmenden Interesses des Aktionärs einführte, berücksichtigte er nicht, dass ein börsengehandeltes Unternehmen nicht nur eine Geschäftseinheit, sondern auch ein sozialer Organismus ist mit vielen Anspruchsgruppen.

Die Pandemie hat den Übergang hin zu einem Stakeholder-Modell des unternehmerischen Kapitalismus beschleunigt und folgte damit dem Bekenntnis, das die Grundlage zur Gründung des Weltwirtschaftsforums war. Aber damit sich sozial- und umweltbewusstere Unternehmenspraktiken durchsetzen können, brauchen die Unternehmen klarere Richtlinien und Massstäbe. Um diesen Bedarf zu decken, hat der International Business Council des Weltwirtschaftsforums ein umfassendes Konzept von Messgrössen des Stakeholder-Kapitalismus entwickelt. Damit können Unternehmen einheitlich gemessen und beurteilt werden, nicht nur aufgrund ihres finanziellen Erfolges, sondern auch in Bezug auf ihre Verantwortung gegenüber Natur und Gesellschaft und guter Unternehmensführung.

Das Stakeholder-Modell sollte aber auch auf globaler Ebene massgebend sein. Wenn uns die Covid-Krise etwas gezeigt hat, ist es, dass Regierungen, Unternehmen oder zivilgesellschaftliche Gruppen systemischen globalen Herausforderungen nicht im Alleingang die Stirn bieten können. Wir müssen die Grenzen abbauen, die diese Bereiche voneinander trennen, und institutionelle Plattformen für die öffentlich-private Zusammenarbeit aufbauen. Besonders wichtig ist es, dass die jüngeren Generationen daran beteiligt wer­den, da es um die langfristige Zukunft geht. … Wir alle haben unsere jeweils eigene Identität, aber gleichzeitig gehören wir alle zu lokalen, beruflichen, nationalen und sogar globalen Gemeinschaften mit gemeinsamen Interessen und verflochtenen Schicksalen.

Dieser Neustart ist keine Revolution und kein Wechsel zu einer neuen Ideologie. Stattdessen sollte er als pragmatischer Schritt hin zu einer widerstandsfähigeren, nachhaltigeren und stärker zusammenhaltenden Welt betrachtet werden. Einige der Grundlagen des weltweiten Systems müssen ersetzt, andere repariert oder verstärkt werden. Die Covid-Krise ist ein Mahnruf, den wir nicht überhören sollten.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

Copyright: Project Syndicate, 2020.

Klaus Schwab

Der Geschäftsführer und Gründer des Weltwirtschaftsforums redet seit dem Start 1971 Wirtschaftsgrössen und dem politischen Führungspersonal ins Gewissen.

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