«Sag es, als wäre es eine Anschuldigung, nicht bloss ein Fakt.»
Credo von Morris Katz, zitiert in «Der Flüsterer der Linkspopulisten», Simon Maurer, 8. Oktober 2026
Vor zwei Jahren kannte ihn ausserhalb New Yorks kaum jemand. Heute gilt der 27-jährige Morris Katz als Stratege hinter Bürgermeister Zohran Mamdani, als Coach der Berliner Wahlsiegerin Elif Eralp und als Gesprächspartner des britischen Grünen-Chefs Zack Polanski. Simon Maurer nennt ihn in seinem Porträt vom 8. Oktober 2026 den «Flüsterer der Linkspopulisten».
Dass er dort steht, ist kein Zufall. Katz stammt aus einer privilegierten New Yorker Familie, kulturell und politisch bestens vernetzt, ohne zum innersten Machtzirkel der Stadt zu gehören. Als junger Mann bewegte er sich laut Revue21 noch im Umfeld von Andrew Cuomo und sah Bernie Sanders skeptisch – ausgerechnet jenen beiden Figuren, die später Gegner und Vorbild seiner Kandidaten werden sollten. Seine ersten Sporen verdiente er in Kampagnen, in denen kaum jemand an einen Sieg glaubte: 2022 für John Fetterman in Pennsylvania, der die Wahl trotz Schlaganfall gewann, 2024 für den parteilosen Gewerkschafter Dan Osborn in Nebraska und für Jamaal Bowman in New York, dessen Vorwahl mit über 24 Millionen Dollar zur teuersten in der Geschichte des Repräsentantenhauses wurde – und verloren ging.
Nach der Wahlniederlage der Demokraten 2024 gründete er mit drei Partnern die Agentur Fight, die sich – für die Branche unüblich – offen als parteiisch positioniert. Den Durchbruch brachte ein Kandidat, dem kaum jemand eine Chance gab: Zohran Mamdani lag bei einem Prozent, als Katz dessen Potenzial erkannte und als führender Medienstratege einstieg. Beide stammen aus demselben Milieu, sprachen dieselbe Sprache und ergänzten sich, wie Maurer schreibt, offenbar hervorragend. Der Sieg in New York machte Katz über Nacht zum gefragtesten Berater der internationalen Linken – ein Aufstieg, der sich selbst mit den Grundsätzen erklären lässt, die er bei seinen Kandidaten anwendet.
Dieser Beitrag fragt nicht, ob man Katz‘ Ziele teilt. Er fragt, warum seine Methode funktioniert – und wo sie spektakulär versagt. Denn Campaigning-Logik ist ideologisch neutral: Steve Bannon hat sie rechts kultiviert, Katz wendet sie links an.
Katz selbst macht daraus kein Geheimnis. Gegenüber dem französischen Magazin Revue21 sagt er, er verachte Bannons Ideen – dessen Kampfansage auf allen Ebenen halte er aber für richtig. Im Folgenden schauen wir uns an, wie Katz die 14 Strategischen Campaigning Grundsätze umsetzt – ziemlich sicher, ohne sie zu kennen, aber weil sie einfach universell gelten.
SCG 1: Polarisieren, profilieren, positionieren
Als Mamdani antrat, lag er in Umfragen bei einem Prozent. Katz machte aus dem Aussenseiter einen David gegen Goliath: hier ein junger Abgeordneter aus Queens, dort Andrew Cuomo, eine politische Dynastie und Milliardäre, die Millionen gegen ihn einsetzten. Der Gegner bekam einen Namen: «die Milliardärsklasse».
Das ist SCG 1 in Reinform, Interpretation 1.1: Good Guy gegen Bad Guy, Bad Guys benennen, über Missstände ein Wir-Gefühl erzeugen. Dazu kommt Authentizität (1.3). Katz‘ Leitsatz lautet sinngemäss «Lasst Zohran kochen»: Der Kandidat soll sich nicht verbiegen, sondern seine Eigenheiten ausspielen.
SCG 13: Erfolgsgrundsätze der Kommunikation
«Sag es wie eine Anschuldigung» ist die wohl schärfste Übersetzung von Interpretation 13.1: Nicht die Fakten zählen, sondern wie sie interpretiert werden. Eine Mieterhöhung ist ein Fakt. Eine Mieterhöhung, die jemand zu verantworten hat, ist eine Geschichte.
Man müsse erzählen, warum das Leben schwer sei, «und wer dafür verantwortlich ist», sagt Katz in Revue21 (übersetzt). Personalisieren, visualisieren, mit Symbolen arbeiten (13.4): Mamdani sprang für den Mietstopp ins eiskalte Meer vor Coney Island. Auf TikTok gewinnt, wer Emotionen auslöst – und Empörung ist die stärkste.
SCG 3: Konzentration der Kräfte
Liza Pflaum, Beraterin des Linken-Co-Chefs Jan van Aken, traf Katz im Oktober 2025 in New York. Ihr Fazit: Alles drehte sich um drei Massnahmen – Mietstopp, Kinderbetreuung, Gratisbusse. Jede Medienmitteilung, jeder Post muss eine dieser Botschaften stützen, sonst «fällt es ins Wasser» (Pflaum in Revue21, übersetzt).
Das ist SCG 3, Interpretation 3.1: Prioritäten setzen bei Themen, Argumenten und Zielgruppen. Zugleich ist es SCG 11: Komplexität reduzieren. Und es ist SCG 6: Katz betonte gegenüber The Hill, vom Startvideo bis zum Wahltag sei es «dieselbe Kampagne» gewesen.
SCG 8: Ausnützung von Synergien und Multiplikationseffekten
Mamdanis Videos erreichten Millionen, oft zur Hälfte Menschen, die ihm gar nicht folgten. Unterstützende entwarfen Sticker, Fans remixten Clips. Die Kampagne liess zu, dass sie sich von selbst verbreitet (Interpretation 8.2), und gab Anhängerinnen und Anhängern Raum zum Mitgestalten (8.1).
Inzwischen multipliziert sich die Methode selbst. Eralp holte im September 2026 mit 25,7 Prozent den ersten Wahlsieg der Linken in Berlin. In Frankreich nennt die LFI-Europaabgeordnete Manon Aubry den Bürgermeister von Saint-Denis, Bally Bagayoko, als Beispiel für das, was Revue21 «Katzismus» nennt.
SCG 9: Achtsamkeit und Weitsicht
Dann kam Maine. Katz half, den Austernzüchter und Ex-Marine Graham Platner zu rekrutieren; seine Agentur produzierte für ihn ein Startvideo und über 40 Spots. Platner gewann im Juni 2026 die Vorwahl. Die Alarmzeichen waren da: alte Reddit-Posts, ein Tattoo, das einem Nazi-Symbol glich, Berichte über den Umgang mit früheren Partnerinnen.
Im Juli 2026 zog Platner nach einem Vergewaltigungsvorwurf einer früheren Partnerin zurück; er bestreitet ihn. Katz räumte im Podcast von Ezra Klein ein, schon Reddit-Posts und Tattoo «hätten genügen sollen» (Portland Press Herald, übersetzt).
Interpretation 9.1 verlangt, kritische Faktoren zu bestimmen und konstant zu beobachten. Genau das unterblieb. Wer Kandidaten castet wie ein Regisseur, braucht ein Frühwarnsystem.
SCG 14: Goldene Brücken bauen
Interpretation 14.7 rät, der Konkurrenz immer einen Rückzugsweg offenzulassen. Die Anklage-Logik tut das Gegenteil: Wer einmal angeklagt hat, kann kaum zurück. Mamdani kündigte in seiner Siegesrede an, Cuomos Namen nun zum letzten Mal auszusprechen.
Im Wahlkampf mobilisiert das. Im Amt braucht man Verbündete – auch frühere Gegner. Bemerkenswert: Laut Pflaum wählte Katz‘ Team in Spots bewusst Worte, die nicht zu parteiisch klingen, um auch Wählerinnen und Wähler von Trump zu erreichen. Die goldene Brücke führt zu den Wählenden, nicht zu den Gegnern.
Die Schattenseiten: Wenn Methode zur Mission wird
Erstens fehlt das Denken in Szenarien (SCG 12). Was passiert, wenn der nächste Skandal kommt? Was, wenn ein Kandidat später die Seite wechselt? Katz‘ früherer Erfolgskandidat John Fetterman stimmt heute oft mit den Republikanern.
Zweitens die Agenda des Beraters. Katz sagt offen, er kämpfe gegen Republikaner, notfalls aber auch gegen Demokraten. Wer ihn holt, holt eine Mission mit. Nach Maine forderte ein offener Brief aus den Reihen der Democratic Socialists of America, den laut New York Post und NY1 über 500 Personen unterzeichneten, nicht mehr mit ihm zu arbeiten – ein Riss in der Unité de doctrine (SCG 10) des eigenen Lagers.
Drittens: Anklage gewinnt Wahlen, regiert aber nicht. Eralp muss nun mit Grünen und SPD verhandeln. Und die Midterms am 3. November 2026 sind Katz‘ nächster Test – wobei ein demokratischer Sieg nicht automatisch sein Verdienst wäre.
Was heisst das für die Schweiz?
In der Konkordanz regiert niemand allein, und in der direkten Demokratie stimmen wir über Sachfragen ab, nicht über Köpfe. Das dämpft den Personenkult, macht die Grundmechanik aber nicht falsch. Polarisierung hat auch hierzulande Abstimmungen und Wahlen gewonnen – von rechts wie von links.
Übertragbar ist die Konzentration auf wenige, alltagsnahe Themen: Kaufkraft, Mieten, Prämien. An Grenzen stösst die Anklage-Rhetorik dort, wo man am nächsten Tag im Kollegium gemeinsame Lösungen finden muss. Wer in der Schweiz polarisiert, muss die Brücke gleich mitplanen.
Die Schweizer Linke hat sich laut «NZZ am Sonntag» bereits vom Mamdani-Team schulen lassen – samt der Warnung, New York sei nicht Zürich.
Drei Fragen, die sich jeder Campaigner stellen sollte
- Wen klagen wir an – und halten unsere Anschuldigungen auch dann stand, wenn sich der Wind dreht?
- Welche kritischen Faktoren über unsere eigenen Leute kennen wir noch nicht – und wer prüft sie, bevor es die Gegenseite tut?
- Welche goldene Brücke bauen wir heute, damit wir nach dem Abstimmungssonntag noch Verbündete haben?
Masterclass: Strategisches Campaigning im KI-Zeitalter
Wie Sie die Strategischen Campaigning Grundsätze auf Ihre eigene Kampagne anwenden – und wo KI dabei hilft, Alarmzeichen früher zu erkennen und Szenarien durchzuspielen: Das ist Thema der nächsten Masterclass von Mr. Campaigning. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt.
Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung durch KI erstellt, von einem Menschen geprüft und freigegeben. Redaktionelle Verantwortung: Peter Metzinger, aka Mr. Campaigning.
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