«Whoever defines the question, owns the answer.»
Thursday Quote on Power, mrcampaigning.com, 1. Oktober 2026
Deutschland und Frankreich haben sich laut Focus Online (8. Oktober 2026, unter Berufung auf FAZ und Handelsblatt) auf die Umrisse eines Plans geeinigt, das EU-Verbot neuer Verbrennungsmotoren ab 2035 zu lockern: Statt 100 Prozent sollen 80 Prozent der Neuzulassungen emissionsfrei sein, und eine neue Fahrzeugklasse namens VEEF soll Autos erfassen, die ausschliesslich mit erneuerbaren Treibstoffen fahren. Die Details sind offen, das Paket kann im Trilog noch scheitern. Für Campaigner ist die Geschichte trotzdem schon heute lehrreich – nicht wegen der Autos, sondern wegen der Mechanik dahinter.
Transparenz vorweg: Ich bin in dieser Sache nicht neutral. Ich leite das Swiss Power-to-X Collaborative Innovation Network SPIN, sitze im Verwaltungsrat eines E-Fuel-Unternehmens und habe am Artikel 11a des Schweizer CO₂-Gesetzes mitgearbeitet, der im Folgenden eine Rolle spielt. Die energiepolitische Einordnung habe ich auf power-to-x.swiss geschrieben. Hier geht es um etwas anderes: um die Frage, warum eine Auseinandersetzung, die drei Jahre lang festgefahren schien, sich plötzlich bewegt – und was beide Lager dabei richtig gemacht haben.
SCG 2: Die Agenda kontrollieren
Die entscheidende Schlacht um das Verbrennerverbot wurde nicht 2023 oder 2026 geschlagen, sondern Jahre früher – und kaum jemand hat sie bemerkt. Sie wurde in einer Messvorschrift entschieden: Die EU-Verordnung 2019/631 misst CO₂ ausschliesslich am Auspuff. Ein Elektroauto zählt als Null-Emissions-Fahrzeug, egal woher der Strom kommt. Ein Verbrenner zählt mit seinem Auspuffwert, egal ob im Tank fossiles Benzin ist oder ein synthetischer Treibstoff aus erneuerbarem Strom und rezykliertem CO₂.
Wer diese Definition setzt, hat die Antwort auf die Frage «Welche Technologie gewinnt?» bereits gegeben, bevor irgendjemand über Autos diskutiert. Das ist Interpretation 2.1 in Reinform: Meinungsführerschaft übernehmen und die Themen setzen. Die Befürworter des Verbots mussten nie für Elektroautos argumentieren. Sie mussten nur dafür sorgen, dass die Rechenregel stehen bleibt. Alles andere folgte daraus.
Die Gegenseite hat lange im falschen Frame gekämpft. Sie argumentierte über Arbeitsplätze, über Reichweiten, über Ladeinfrastruktur – alles Argumente innerhalb der Frage, die der Gegner gestellt hatte. Erst als die Debatte auf die Definition selbst zielte – was heisst «emissionsfrei», und wer hat das festgelegt? –, begann sich etwas zu bewegen. Die VEEF-Klasse ist nichts anderes als der Versuch, die Frage neu zu stellen: Zählt der ganze Kohlenstoff im Energiesystem oder nur der am Auspuff?
SCG 1: Polarisieren, profilieren, positionieren
Beide Lager haben polarisiert, und beide haben es gut gemacht. Die eine Seite sprach vom «Verbrennerverbot» – ein Wort, das nach Bevormundung klingt und sofort ein Wir-Gefühl bei allen erzeugt, die sich nicht vorschreiben lassen wollen, was sie fahren. Die andere Seite sprach von «Zero Emission» und «Klimaschutz» – Begriffe, die jeden Widerspruch als Klimaleugnung erscheinen lassen. Zwei Frames, beide wirksam, beide nach Interpretation 1.1 gebaut: ein Gegner, ein Missstand, ein Wir.
Interessant ist, welcher Frame am Ende die Mehrheit im Rat verschoben hat. Es war nicht «Freiheit gegen Verbot», sondern ein nüchternerer: «Ehrliche Bilanz gegen Rechenfiktion». Eine Metastudie der TU München – ihrerseits umstritten – kam zum Schluss, dass Elektroautos im Schnitt rund 41 Prozent CO₂ einsparen, nicht 100. Ob diese Zahl stimmt, ist für die Campaigning-Analyse zweitrangig. Entscheidend ist, dass sie den Gegner in Erklärungsnot brachte. Und wie es im Thursday Quote vom 22. Oktober heissen wird: Macht, die sich erklären muss, hat bereits verloren.
SCG 6: Hartnäckigkeit und Beharrlichkeit in der Strategieverfolgung
Die E-Fuel-Ausnahme wurde 2023 versprochen. Drei Jahre lang passierte scheinbar nichts. Frankreich und Spanien blockierten, die Kommission liess die Sache liegen, die Branche wurde ungeduldig. Wer in dieser Phase aufgegeben hätte, wäre heute nicht am Tisch.
Die Schweiz ist hier ein eigenes Lehrstück. Artikel 11a des CO₂-Gesetzes – ein Importeur, der so viel synthetischen Treibstoff in Verkehr bringt, wie ein Fahrzeug über seine Lebensdauer verbraucht, darf dieses Fahrzeug als emissionsfrei anrechnen – ist das Ergebnis jahrelanger, unspektakulärer Arbeit: Gespräche in Kommissionen, Positionspapiere, Sessionen im Bundeshaus. Als die Regel beschlossen war, wirkte sie selbstverständlich. Das ist Interpretation 6.1: Wer eine Botschaft lange genug konsequent wiederholt, lässt sie irgendwann wie eine Selbstverständlichkeit klingen. «Power is persistence dressed up as inevitability», hiess es im Thursday Quote vom 9. Juli.
SCG 14: Goldene Brücken bauen
Der eigentliche Durchbruch kam nicht durch das bessere Argument, sondern durch einen Tausch. Laut Handelsblatt bewegt sich Frankreich beim Verbrennerverbot, Deutschland im Gegenzug bei den «Made in EU»-Regeln, die Subventionen für Elektroautos an europäische Produktion binden. Frankreich kann zu Hause sagen, es habe die Batterieinvestitionen geschützt. Deutschland kann sagen, es habe die Technologieoffenheit gerettet. Beide gewinnen, beide wahren das Gesicht.
Das ist Interpretation 14.7: der Gegenseite immer einen Rückzugsweg offenlassen. Frankreich konnte seine Position nicht einfach aufgeben – das wäre als Niederlage gelesen worden. Es konnte sie aber eintauschen. Wer nur auf Sieg spielt, bekommt in Brüssel keine Mehrheit. Wer dem anderen etwas gibt, das er nach Hause tragen kann, bekommt sie. Dazu kommt die Bündnisarithmetik: Für eine Mehrheit im Rat musste Frankreich oder Spanien kippen. Wer das weiss, konzentriert seine Kräfte auf genau diese beiden Hauptstädte und nicht auf 27.
SCG 11: Effizienz und Einfachheit
Jetzt beginnt die Phase, in der Kampagnen oft scheitern: die Umsetzung. Wie beweist man, dass ein VEEF-Auto wirklich nur mit erneuerbarem Treibstoff fährt? In Brüssel kursieren Ideen wie gesonderte Zapfsäulen, ein Chip im Fahrzeug oder digitales Treibstoff-Tracking. Jede davon braucht neue Infrastruktur, neue Messtechnik und Jahre der Standardisierung. Jede macht das System teurer und angreifbarer. Und jede liefert dem Gegner ein neues Argument: zu komplex, zu teuer, nicht kontrollierbar.
Die Schweizer Regel braucht nichts davon. Sie fragt nicht, was der Fahrer tankt, sondern ob der erneuerbare Treibstoff auf den Markt kommt und fossilen verdrängt. Keine Zapfsäule, kein Chip, keine Kontrolle am Fahrzeug – nur eine Formel für die durchschnittliche Lebensfahrleistung. Das Klima interessiert sich nicht dafür, über welchen Mechanismus CO₂ eingespart wird. Es interessiert sich sehr dafür, wie schnell. Eine einfache Regel kann sofort eingeführt werden; ein europaweites Netz zertifizierter Zapfsäulen nicht. Komplexität fühlt sich nach Gründlichkeit an. Im Campaigning ist sie meist ein Wirkungskiller.
Was Campaigner daraus mitnehmen können
Ob VEEF kommt, entscheidet sich in den nächsten Monaten. Die Lehren gelten unabhängig davon. Erstens: Die wichtigsten Auseinandersetzungen werden in Definitionen entschieden, nicht in Debatten. Wer eine Messregel, einen Begriff oder ein Kriterium setzt, hat die Antwort vorentschieden.
Zweitens: Wer im Frame des Gegners argumentiert, verliert auch mit besseren Argumenten – die Gegenseite kam erst voran, als sie die Frage selbst in Frage stellte.
Drittens: Mehrheiten entstehen durch Tausch, nicht durch Überzeugung. Und viertens: Wer gewonnen hat, verliert oft in der Umsetzung, wenn er die einfache Lösung gegen die perfekte tauscht.
Drei Fragen für die eigene Kampagne
- Welche Definition, Messregel oder Kategorie entscheidet unseren Konflikt – und wer hat sie festgelegt?
- Argumentieren wir gerade innerhalb der Frage des Gegners, oder stellen wir sie selbst?
- Was kann die Gegenseite nach Hause tragen, wenn sie sich auf uns zubewegt – und was bieten wir ihr dafür an?
Masterclass: Strategisches Campaigning im KI-Zeitalter
Wie Sie die Definitionen in Ihrem eigenen Konflikt erkennen, Frames systematisch analysieren und mit KI Szenarien für Verhandlungen durchspielen: Das ist Thema der nächsten Masterclass von Mr. Campaigning. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt.
Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung durch KI erstellt, von einem Menschen geprüft und freigegeben. Redaktionelle Verantwortung: Peter Metzinger, aka Mr. Campaigning.
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