„A message you can’t repeat in one breath isn’t a message.“
Eine Botschaft, für die man Luft holen und Anlauf nehmen muss, ist im Campaigning meist schon verloren. Wirkungsvolle Botschaften passen in einen Atemzug – und genau deshalb tragen sie weiter als komplizierte, vollständige Erklärungen.
«Whoever defines the question, owns the answer.»
Thursday Quote on Power, mrcampaigning.com, 1. Oktober 2026
Deutschland und Frankreich haben sich laut Focus Online (8. Oktober 2026, unter Berufung auf FAZ und Handelsblatt) auf die Umrisse eines Plans geeinigt, das EU-Verbot neuer Verbrennungsmotoren ab 2035 zu lockern: Statt 100 Prozent sollen 80 Prozent der Neuzulassungen emissionsfrei sein, und eine neue Fahrzeugklasse namens VEEF soll Autos erfassen, die ausschliesslich mit erneuerbaren Treibstoffen fahren. Die Details sind offen, das Paket kann im Trilog noch scheitern. Für Campaigner ist die Geschichte trotzdem schon heute lehrreich – nicht wegen der Autos, sondern wegen der Mechanik dahinter.
Transparenz vorweg: Ich bin in dieser Sache nicht neutral. Ich leite das Swiss Power-to-X Collaborative Innovation Network SPIN, sitze im Verwaltungsrat eines E-Fuel-Unternehmens und habe am Artikel 11a des Schweizer CO₂-Gesetzes mitgearbeitet, der im Folgenden eine Rolle spielt. Die energiepolitische Einordnung habe ich auf power-to-x.swiss geschrieben. Hier geht es um etwas anderes: um die Frage, warum eine Auseinandersetzung, die drei Jahre lang festgefahren schien, sich plötzlich bewegt – und was beide Lager dabei richtig gemacht haben.
«Sag es, als wäre es eine Anschuldigung, nicht bloss ein Fakt.»
Credo von Morris Katz, zitiert in «Der Flüsterer der Linkspopulisten», Simon Maurer, 8. Oktober 2026
Vor zwei Jahren kannte ihn ausserhalb New Yorks kaum jemand. Heute gilt der 27-jährige Morris Katz als Stratege hinter Bürgermeister Zohran Mamdani, als Coach der Berliner Wahlsiegerin Elif Eralp und als Gesprächspartner des britischen Grünen-Chefs Zack Polanski. Simon Maurer nennt ihn in seinem Porträt vom 8. Oktober 2026 den «Flüsterer der Linkspopulisten».
Dass er dort steht, ist kein Zufall. Katz stammt aus einer privilegierten New Yorker Familie, kulturell und politisch bestens vernetzt, ohne zum innersten Machtzirkel der Stadt zu gehören. Als junger Mann bewegte er sich laut Revue21 noch im Umfeld von Andrew Cuomo und sah Bernie Sanders skeptisch – ausgerechnet jenen beiden Figuren, die später Gegner und Vorbild seiner Kandidaten werden sollten. Seine ersten Sporen verdiente er in Kampagnen, in denen kaum jemand an einen Sieg glaubte: 2022 für John Fetterman in Pennsylvania, der die Wahl trotz Schlaganfall gewann, 2024 für den parteilosen Gewerkschafter Dan Osborn in Nebraska und für Jamaal Bowman in New York, dessen Vorwahl mit über 24 Millionen Dollar zur teuersten in der Geschichte des Repräsentantenhauses wurde – und verloren ging.
Nach der Wahlniederlage der Demokraten 2024 gründete er mit drei Partnern die Agentur Fight, die sich – für die Branche unüblich – offen als parteiisch positioniert. Den Durchbruch brachte ein Kandidat, dem kaum jemand eine Chance gab: Zohran Mamdani lag bei einem Prozent, als Katz dessen Potenzial erkannte und als führender Medienstratege einstieg. Beide stammen aus demselben Milieu, sprachen dieselbe Sprache und ergänzten sich, wie Maurer schreibt, offenbar hervorragend. Der Sieg in New York machte Katz über Nacht zum gefragtesten Berater der internationalen Linken – ein Aufstieg, der sich selbst mit den Grundsätzen erklären lässt, die er bei seinen Kandidaten anwendet.
Dieser Beitrag fragt nicht, ob man Katz‘ Ziele teilt. Er fragt, warum seine Methode funktioniert – und wo sie spektakulär versagt. Denn Campaigning-Logik ist ideologisch neutral: Steve Bannon hat sie rechts kultiviert, Katz wendet sie links an.
Katz selbst macht daraus kein Geheimnis. Gegenüber dem französischen Magazin Revue21 sagt er, er verachte Bannons Ideen – dessen Kampfansage auf allen Ebenen halte er aber für richtig. Im Folgenden schauen wir uns an, wie Katz die 14 Strategischen Campaigning Grundsätze umsetzt – ziemlich sicher, ohne sie zu kennen, aber weil sie einfach universell gelten.
„Power borrowed from a movement outlasts any office.“
Macht aus einem Amt ist befristet. Macht aus einer Bewegung trägt weit über einzelne Personen, Wahlperioden oder Verträge hinaus. Wer Bewegung mobilisiert, leiht sich Reichweite, die ihm niemand wegnehmen kann.
„Whoever defines the question, owns the answer.“
Wer die Frage stellt, hat die Antwort schon halb in der Hand. Die meisten Auseinandersetzungen werden nicht durch das bessere Argument entschieden, sondern durch die Frage, auf die alle versuchen zu antworten.
Es gibt eine Asymmetrie, die ich in fast jeder Kampagne beobachte: Organisationen kennen ihre Unterstützer sehr gut. Sie wissen, wer hinter ihnen steht, welche Argumente ziehen, welche Netzwerke verfügbar sind. Ihren Gegner kennen sie kaum.
Das ist strategisch fatal. Denn wer seinen Gegner nicht kennt, kann ihn nicht antizipieren. Und wer ihn nicht antizipieren kann, reagiert – statt zu agieren.
„The smallest action at the right moment beats the biggest one too late.“
Eine kleine, zur richtigen Zeit gesetzte Geste verändert mehr als ein grosser Auftritt, der zu spät kommt. Macht im Campaigning heisst oft: erkennen, wann der Moment da ist – und dann handeln, bevor sich das Fenster wieder schliesst.
„Power without listening is just noise on a throne.“
Wer Macht hat, aber nicht zuhört, regiert irgendwann an der Realität vorbei. Aus dem Senderpodest wird ein blindes Echo, das alles übertönt – ausser das, was eigentlich zählt.
„Real power is what you don’t have to use.“
Wer ständig demonstrieren muss, wie mächtig er ist, hat es schon nicht mehr. Echte Macht ist die, die nicht ausgepackt werden muss, weil ihre Existenz allein die Lage bestimmt.
OpenAI hat mit GPT-6 Astra das «AGI-Zeitalter» ausgerufen. Präsident Greg Brockman formuliert es so: Es sei «nicht unvernünftig, das Gefühl zu haben», man befinde sich nun im AGI-Zeitalter. Ein Gefühl also, kein Messwert. Und trotzdem diskutiert seit dieser Ankündigung eine ganze Branche über nichts anderes mehr. Genau das ist der interessante Teil — und er hat mit Technik wenig zu tun.